Arbonisches Wintermärchen

Aus Trigardon
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Es war wohl zu Zeiten des heiligen Timor - weder die Ältesten und Weisesten können dies jedoch mit Sicherheit sagen - dass am letzten Tag, bevor der erste grüne Halm des Frühlings in der Steppe spross und sich Jardo für den nahenden Frühling von Riaplots Angesicht verabschieden musste, er drei Schwestern erblickte, die in der Steppe ihre Stuten molken. Die Frauen gefielen ihm gut und so beschloss er, sich mit ihnen den letzten Tag vor seinem Abschied zu versüßen. In Schlangengestalt kroch er über die Wiese und nacheinander kroch er unter die Röcke aller drei. Die drei Schwestern, von denen keine verheiratet war, fanden sich nun bald schwanger und danken den Göttern für das Zeichen ihrer Fruchtbarkeit. Später im Jahr, in der Nacht des ersten schweren Wintersturmes gebaren alle drei ihre Söhne.

Die große und herrliche Riadugora sah dies und wurde zornig. „Es soll nicht sein, dass mein Sohn, der Gefährte der Nacht, sich mit Sterblichen paart!“ Riadugora ließ die Nächte länger und finsterer als je zuvor werden. Vieh verirrte sich in der Dunkelheit und erfror und die Menschen bekamen Angst und trauten sich bald nicht mehr vor die eigene Tür.

Die Mutter der Schwestern erschrak, denn sie erkannte dies als Zeichen des Zorns der Göttin und riet ihren Töchtern: Ihr müsst euch der Allverzeihenden stellen, wenn sie es will von Angesicht zu Angesicht, und zwar heute, denn dem Zögernden wird nur zögerlich verziehen. Die Schwestern fassten sich ein Herz und ritten hinaus in die Steppe zum Geisterhügel. Nach Sonnenuntergang riefen sie ihre Ahnen um Beistand an und boten der großen und herrlichen Riadugora ihr letztes Vieh als Opfergabe. Sie warteten beharrlich in der bitteren Kälte, bereit zu geben, was die Herrin des Atems ihnen nehmen wollte. Die Allverzeihende legte ihre Stirrn in tiefe Falten: Sie sah die Verzweiflung doch sah sie auch den Mut und die Aufrichtigkeit des Opfers. Die Schwestern harrten bis zum Morgen aus, und die Allverzeihende beschloss schließlich, dass sie den Frauen nicht das Leben nehmen wollte, und so verwandelte sie die Schwestern in drei schwarze Falken.

Um zu verschleiern, wo ihre Seelen wandelten rief sie mit ihrer Schwester viele Nebelgeister zu sich und schickte sie in einer wilden Jagd über die Steppe, um ihren Sohn irrezuführen. Im Federkleid kehren die Schwestern vor Jardos Augen verborgen zu ihrer Sippe zurück, mit Falkenaugen wachten sie über ihr Heim, und mit ihren scharfen Klauen jagten sie fortan für ihre Kinder, die nie wieder Hunger hatten. Als die jungen Söhne herangewachsen waren, wurden sie zu großen Jägern und ihre Sippe groß und fruchtbar.

Jardo wurde traurig, dass seine Mutter die Mütter seiner Kinder in der Kälte sterben lassen hatte und mit Hilfe ihrer Schwester ihre Seelen zu rastlosen Nebelgeistern gemacht hatte. In der Tat wurde er wütend, dass seine allverzeihende Mutter so unversöhnlich gegenüber seinen Kindern war und grausam zur alten Großmutter, die mit gebeugtem Rücken und trüben Augen weder Vieh hüten noch den Acker bestellen konnte. Alt wie sie war, hätte sie vor ihren Töchtern sterben sollen, doch nun musste sie noch die Kindeskinder ernähren. Er sann auf eine List um die grausame Tat seiner Mutter zu mildern. Lange saß er auf einem grauen Stein und grübelte, doch es wollte ihm nicht gelingen. Während er saß und grübelte, begann er, Wollflusen aus seinem Mantel zu rupfen und je mehr er nachdachte, desto mehr rupfte er Fussel aus. Diese Flusen fielen hell auf Riaplots Antlitz und wie er so dasaß und grübelte und rupfte, wurde die Erde ganz davon bedeckt. Die Decke vervielfachte in der Nacht das Licht Riasinas und der Sterne, und die Menschen schöpften neuen Mut. Riadugora blieb es nicht verborgen, dass ihr Sohn wütend gegen sie war, doch lächelte sie und befahl ihren Windgeistern, nun eine Weile zu ruhen. So blieben die Spuren von verirrtem Vieh noch lange bestehen, sodass kein Hirte mehr lange nach einem verlorenen Schaf suchen musste.